„Berg frei“ im digitalen Zeitalter?

Ein Interview mit Dieter Gross, Redakteur von NaturFreundeGeschichte/NatureFriendsHistory

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Wie lässt sich die Geschichte der NaturFreunde im digitalen Zeitalter bewahren, erforschen und zugänglich machen? Darüber sprach Bernd Hüttner im Interview mit Dieter Gross, Redakteur der Online-Zeitschrift NaturFreundeGeschichte / NatureFriendsHistory (NFG_H).

Das Interview gibt Einblicke in die Entstehung der Zeitschrift, die Herausforderungen einer dezentral überlieferten Verbandsgeschichte und die Frage, welche Rolle Erinnerungskultur heute für die NaturFreunde spielt. Deutlich wird: Das Interesse an der eigenen Geschichte ist lebendig – doch historische Arbeit braucht Menschen, Archive, Vernetzung und langfristige Strukturen.

Das Interview ist zuerst erschienen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift ARBEIT – BEWEGUNG – GESCHICHTE: ZEITSCHRIFT FÜR HISTORISCHE STUDIEN (2026/II, 25. Jahrgang, Mai 2026).

Was ist „NaturFreundeGeschichte / NatureFriendsHistory“ genau?

Dieter Gross: Wir sind eine Online-Zeitschrift, die sich mit der Geschichte der Naturfreunde (im deutschen Kontext seit einigen Jahren NaturFreunde) beschäftigt. Seit 2013 erscheint sie zweimal jährlich mit Fachbeiträgen, Dokumentationen und Rezensionen zur gesamten Bandbreite des Verbands. Dank der Flexibilität des digitalen Publizierens variieren die Textlängen von wenigen Seiten bis hin zum Umfang kürzerer Bücher. Unser Anspruch ist es einerseits, zur wissenschaftlichen Fortschreibung der überaus komplexen internationalen Verbandsgeschichte beizutragen, andererseits eine Plattform für Material zu bieten, das ansonsten dem Vergessen anheimfallen würde. Im Idealfall verbinden sich Verbandshistorie und aktuelle Themenfelder.

Seit wann gibt es euch? Was war eure Motivation dieses Portal zu starten? Wer betreut es konkret? Ihr seid ja eine private Initiative beziehungsweise wie ist das Verhältnis zu anderen Strukturen der NaturFreund*innen?

Die Idee entstand, weil es in den frühen 2000er-Jahren im internen Geschichtsdiskurs eine Flaute gab. Über die Jahre hin hatte sich der gewissermaßen in Wellen entwickelt. In der Weimarer Republik war man so sehr Teil der gesamten Arbeiterbewegung, dass es eigenständige historische Debatten kaum gab. Infolge der Erfahrungen der Parteienspaltungen und des Verbots im Faschismus pflegten nach der Wiedergründung bis in die 1970er-Jahre überwiegend Funktionäre mit oft regionalen Schwerpunkten den Blick auf die eigene Geschichte.[1]

Seit den 1980er-Jahren nahm eine Forschergruppe um Jochen Zimmer – zuvor Sekretär der Naturfreundejugend Internationale, später Professor an der Universität Duisburg/Essen – die historischen Debatten im Gefolge der „68er“ u. a. unter Nutzung damals aktueller oral history-Zugänge auf und entwickelte zudem eine breitere Perspektive auf den Verband.[2]

Eine ganze Reihe von Dissertationen zu Einzelaspekten oder herausragenden Persönlichkeiten (Fritz Lamm, Fritz Rück u. a.) sowie Jubiläumsschriften unterschiedlicher Ebenen ergänzten das Bild. Um die Mitte der 2000er-Jahre allerdings brach dieser Prozess – abgesehen von Überblicks-Publikationen der Internationale und einem bedeutsamen Buch zum NaturFreunde-Widerstand – weitgehend ab.[3]

Problematisch für die historische Aufarbeitung war und ist die Vielschichtigkeit und starke Dezentralität des Verbands. Viele Landesverbände (Bayern, Berlin, Hessen, Württemberg u. a.), Ortsgruppen und Bezirke verfügen über eigene Archive, zu denen aber in der Regel keine Findbücher und schon gar kein internes Leihsystem existieren. Auch die Archive der Bundesgruppe in Berlin und der Internationale in Wien sind kaum systematisch zugänglich.

Bedeutsam wurde deshalb das eco-Archiv des verbandsnahen Vereins Arbeiterkultur und Ökologie (AROEK) in Hofgeismar, das Materialien aus dessen weiteren Umfeld sammelte. Schon im Untertitel seiner broschierten Publikation „Grüner Weg 31a“ („Zeitschrift für die Sozial- und Ideengeschichte der Umweltbewegungen“) setzte diese die Arbeiten der Gruppe um Jochen Zimmer fort.[4] Mit der durch finanzielle Umstände erzwungenen Übergabe des Archivs an die Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn wurde auch die Zeitschrift eingestellt.

Diese Forschungs- und Publikationslücke war – ohne direkt in deren Nachfolge zu stehen – einer der Gründe für das Entstehen von NFG_H. Dessen digitale Erscheinungsweise gewährleistet größere Flexibilität. Der spätere Versuch, Teile des Projekts in Buchform zu veröffentlichen, scheiterte bislang am großen personellen und materiellen Aufwand.

Besteht bei den NaturFreund*innen noch Interesse an der eigenen Geschichte? Spielt die Tradition in der täglichen Arbeit des Verbandes denn eine Rolle?

Aufgrund der dezentralen Struktur und Schwerpunkte der Verbandsgliederungen ist diese Frage nicht verlässlich zu beantworten. Die große Zahl an Publikationen zu den unterschiedlichsten Jubiläen zeigt allerdings durchaus, dass die eigene Geschichte weiter Definitionsmacht hat. Je nach regionalem Fokus dient die Erinnerungskultur historischer Selbstvergewisserung, seltener als Korrektiv für aktuelle Entscheidungen, und ist vor allem auf lokaler Ebene häufig Aufhänger für publikumswirksame Öffentlichkeitsarbeit, in der das Besondere der Naturfreunde in den Mittelpunkt gestellt wird.

Meine eigenen Vorträge in unterschiedlichsten NaturFreunde-Zusammenhängen zeigen, dass historische Bezüge weiterhin sehr positiv aufgenommen werden. Ebenso belegen die guten Zugriffszahlen auf NFG_H ein erstaunlich breit angelegtes Interesse, das sich keineswegs auf die politische Verbandsgeschichte reduziert.

Das Portal wurde ja, wie du sagst, bereits im Jahre 2013, zu ganz anderen politischen Zeiten, gegründet. Was war damals die Idee? Wurde diese umgesetzt/erreicht? Welche Probleme gab es seither und wie wurden sie gelöst? Welche Ziele, gar Visionen hat die Seite heute?

Die Idee für eine historische Online-Zeitschrift entstand um 2010. Die „Zimmer-Generation“ war nur noch sporadisch aktiv, der „Grüne Weg“ existierte nicht mehr, die Bundesgruppe setzte auf ihrer Website und in der Mitgliederzeitschrift verständlicherweise eher auf historische Reminiszenzen denn auf Forschung. Der Landesverband Bayern legte darum auf meine Anregung hin eine digitale Plattform auf, die ausdrücklich international ausgerichtet sein sollte. Seine Unterstützung gilt weiterhin.

Wir haben seither gut 150 Beiträge veröffentlicht, mit monatlich um die 3500 Zugriffen auf die Seite (doch ohne Kenntnis, wer woher zugreift). In den konkreten Downloads – jeden Monat werden einzelne Beiträge mehr als hundertmal heruntergeladen – dominieren Überblicksthemen, vom Sozialen Wandern, den NaturFreunden in der Friedensbewegung bis hin zu den Nature Friends of America. Sehr nachgefragt sind zudem biografische Texte, Regionalgeschichte und erstaunlicherweise auch scheinbar abseitige Themen wie „Fistball at Camp Midvale“ oder die Enteignungsgeschichte eines ehemaligen NaturFreunde-Geländes am Spitzingsee. Dieses offene Themenspektrum ließe sich ohne Weiteres ausbauen.

Für viele kritische Geschichtsprojekte stellen sich Fragen nach der(en) Zukunft. Ist Generationenwechsel bei euch ein Thema? Ist die Website langfristig sicher?

Unser ganz aktuelles Problem ist, dass die Zeitschrift seit ihren frühen Tagen wenigstens auf mittlerem Niveau zwar Jahr für Jahr bekannter wurde, dass die Zahl der ehrenamtlich Mitwirkenden – Redaktion wie Beiträger – dem aber nicht gefolgt ist. Viele Autor*innen sind dem Verband schon länger verbunden und fallen damit u. U. altersbedingt weg. Ein breiteres Redaktionsteam würde auch die Öffnung für neue Themenfelder fördern. Im generellen Umfeld hilfreich wäre es, wenn progressiv orientierte Geschichtsprojekte – zu denen sich NFG_H zählt – stärkere Vernetzung untereinander schaffen könnten. Was die Zukunft unseres eigenen Projekts angeht, setzt auch das jedoch eine breitere personelle Basis voraus.

Bernd Hüttner
Redaktionsmitglied von ARBEIT – BEWEGUNG – GESCHICHTE

Über die NaturFreunde (in der Printversion als Einführung des Interviews)

Gegründet wurden die NaturFreunde im Rahmen der sozialistischen Arbeiterkulturbewegung 1895 in Wien. Mit ihrem Gruß „Berg frei“ traten sie dafür ein, auch Arbeiter*innen den Zugang zur Natur zu eröffnen, gleichermaßen als Ort der Erholung und zur Stärkung der emanzipatorischen Bewegung, der sie sich zugehörig fühlten. Über Österreich hinaus entstanden 1905 erste Sektionen in Zürich und München. 1914 gab es bereits 300 Ortsgruppen mit 10.000 Mitgliedern, überwiegend in deutschsprachigen Regionen und Auswanderungsgebieten (New York 1910). In den 1920er-Jahren zählten sie im Deutschen Reich zeitweise mehr als 100.000 Mitglieder (international über 200.000), mit Rückschlägen u. a. aufgrund der Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung. Mit dem Verbot 1933 gingen etliche in den aktiven Widerstand.

Nach dem Krieg erweiterte sich das Tätigkeitsspektrum, weil viele frühere Arbeitersport- und -kulturorganisationen nicht wiedergegründet wurden. Während gerade die mitgliederstärksten Verbandsteile stärker freizeitorientiert blieben, vertraten eine Mehrheit der Landesverbände und der Bundesvorstand seit Mitte der 1950er-Jahre explizit linkssozialdemokratische Positionen. Naturfreund*innen prägten wesentlich die deutsche Friedensbewegung, die Ostermärsche und das frühe ökologische Denken. Mit dem Kulturwandel der späten 1960er- und 1970er-Jahre („Neue Soziale Bewegungen“) ging diese Sonderstellung verloren. Doch als umfassende Umwelt-, Kultur-, Freizeit- und Touristikorganisation verblieben die NaturFreunde der letzte größere Verband einer früher so starken Arbeiterkultur- und -sportbewegung.

Heute zählen die NaturFreunde Deutschlands über 65.000 Mitglieder in mehr als 500 Ortsgruppen. Sie betreiben weit überwiegend ehrenamtlich mehr als 350 Naturfreundehäuser und sind Teil einer weltweit aktiven Internationale mit Sitz in Wien. Im breiten Feld des Natursports verfügt allein der deutsche Verbandsteil über mehr als 1200 lizensierte Übungsleiter*innen. Ein hochaktueller inhaltlicher Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit rechten Tendenzen in Bio-Landwirtschaft und Umweltschutz. Dazu wurde eine eigene Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) gegründet, die bundesweit mit Publikationen und Bildungsveranstaltungen aktiv ist.

Endnoten

[1] Exemplarisch als Eckpunkte Heinrich Coblenz: Geschichte der badischen Naturfreunde, Karlsruhe 1947; Emil Birkert: Von der Idee zur Tat. Aus der Geschichte der Naturfreundebewegung, Heilbronn 1970.

[2] Jochen Zimmer (Hrsg.): Mit uns zieht die neue Zeit. Die Naturfreunde. Zur Geschichte eines alternativen Verbandes in der Arbeiterkulturbewegung, Köln 1984; Heinz Hoffmann/Jochen Zimmer (Hrsg.): Wir sind die grüne Garde. Geschichte der Naturfreundejugend, Essen 1986; Wulf Erdmann/Jochen Zimmer (Hrsg.): Hundert Jahre Kampf um die freie Natur. Illustrierte Geschichte der Naturfreunde, Essen 1991; Jochen Zimmer: Kleine internationale Chronik der Naturfreundejugend seit 1945, Oer-Erckenschwick 1993; Klaus-Peter Lorenz (Hrsg.): Politische Landschaft – die andere Sicht auf die natürliche Ordnung, Duisburg 2002; Jochen Zimmer: Lagerfeuer im Atomzeitalter: gewerkschaftliche und sozialdemokratische Jugendgruppen unter Einfluß der ApO, Duisburg 2009; Anton Weise und NaturFreunde Hannover e. V. (Hrsg): Auf roten Socken ins Grüne. 100 Jahre NaturFreunde Hannover, Hannover 2012.

[3] Bruno Klaus Lampasiak: Naturfreund sein heißt Mensch sein. Naturfreunde im Widerstand 1933 bis 1945, Berlin 2013; zur NFI Bruno Klaus Lampasiak, Leo Gruber, Manfred Pils: Berg frei – Mensch frei – Welt frei! Eine Chronik der internationalen Naturfreundebewegung von den Anfängen der Arbeiterbewegung bis zum Zeitalter der Globalisierung (1895–2005), Wien 2005; einen originellen Zugang zur v. a. österreichischen Naturfreunde-Geschichte – nämlich als Tourenbuch – bietet Manfred Pils: Berg frei! Die 50 schönsten Touren auf den Spuren der Naturfreunde-Bewegung, Wien 2019.

[4] Grüner Weg 31 a. Zeitschrift für die Sozial- und Ideengeschichte der Umweltbewegungen, hrsg. v. Eco-Archiv Hofgeismar. Hofgeismar 1987–2004. Die Hefte liegen leider nicht digitalisiert vor.

ARBEIT – BEWEGUNG – GESCHICHTE erscheint dreimal jährlich (Januar, Mai, September) im Metropol Verlag Berlin im Gesamtumfang von ca. 600 Seiten. Jahresabonnement 39,- € (Inland) bzw. 49,- € (Ausland), einschl. Porto; Einzelheftpreis 14,- €, zzgl. Porto.